Diese Case Study ist zuerst in unserem beabee-Newsletter erschienen. In dem geben wir ein mal im Monat handfeste Tipps und Anleitungen, wie Community-Journalismus funktioniert. Ihr könnt den Newsletter hier abonnieren: Zur Anmeldung

In den letzten Monaten wird viel über die Spaltung der Gesellschaft gesprochen. Viele sind sich sicher: Wir haben verlernt miteinander zu sprechen und unterschiedliche Positionen auszuhalten. Ich glaube, das stimmt nur zum Teil. Wir brauchen vielleicht vor allem mehr Gelegenheiten miteinander zu sprechen. Formate wie „Deutschland spricht” von Zeit Online beweisen das seit Jahren. Wenn Menschen über ihre gegensätzlichen Positionen sprechen, entwickeln sie Verständnis füreinander, bauen Vorurteile ab und kämpfen gegen Polarisierung unserer Gesellschaft.

Menschen ins Gespräch zu bringen, ist eines der großen Ziele im Community-Journalismus. Die Ideen für Formate sind vielfältig: RUMS in Münster lädt die Community regelmäßig zu Online-Diskussionen ein. Das Bürgerportal Bergisch Gladbach veranstaltet schon seit Jahren Diskussionsabende, die so genannten „Bürgerclubs”. Die Jugendredaktion von CORRECTIV in Bottrop hat im letzten Jahr zusammen mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung ein Barcamp zur Zukunft der Innenstadt veranstaltet. Das sind nur drei Beispiele von vielen. Der Gesprächsbedarf in unserer Gesellschaft ist nach wie vor da. Und Community-zentrierte Lokalredaktionen sollten sich vielleicht vor allem als Ermöglicher von Gespräch und Austausch verstehen.

In unserem beabee Community-Meetup im Januar war Sara Cooper von My Country Talks zu Gast. Sie hat über die erste lokale Ausgabe des Projekts referiert. „Marburg spricht” fand im Juli 2021 statt. Wie das gelaufen ist, lest ihr hier.

Das ist My Country Talks:

  • Das Projekt My Country Talks ist 2017 bei ZEIT ONLINE mit dem Format „Deutschland spricht“ entstanden.
  • Die Zeit-Redaktion brachte dabei 1.200 Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten für Face-to-face-Gespräche zusammen. Seitdem wurde das Format in viele weitere Länder exportiert und hat nach eigenen Angaben bereits zehntausende Teilnehmer ins Gespräch gebracht.
  • Dafür hat My Country Talks eine Software entwickelt, die Teilnehmende anhand ihrer Antworten auf bestimmte Fragen automatisch matcht. Immer so, dass möglichst Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zusammenkommen.
  • My Country Talks ist gemeinnützig und finanziert sich durch Stiftungsgelder, Spenden und Förderungen für die einzelnen Veranstaltungen

So lief „Marburg spricht“ ab:

  • Für „Marburg spricht“ taten sich die Marburger Stadtverwaltung, die Regionalzeitung Oberhessische Presse und das Team von My Country Talks zusammen. Am 4. Juli 2021 brachten die Veranstalter rund 85 Gesprächspaare zusammen, damit sie miteinander diskutieren konnten.
  • Die Paare wurden im Vorfeld von der My-Country-Talks-Software gematched. Dafür hatten alle Teilnehmenden bei der Registrierung auf der Projektwebsite acht Fragen mit Ja oder Nein beantwortet. Die Fragen hatte vorab die Stadtverwaltung festgelegt:
    • Sollten Windräder im Stadtgebiet von Marburg gebaut werden?
    • Sind die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung streng genug?
    • Ist Rassismus ein Problem in Marburg?
    • Sollte in Wort und Schrift eine geschlechtergerechte Sprache (gendern) verwendet werden?
    • Sollten die nächtlichen Kontrollen durch Stadtpolizei in Marburg verstärkt werden?
    • Sollten Enteignungen ermöglicht werden, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?
    • Ist die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet?
    • Werden Autofahrende in Marburg zu sehr benachteiligt?
  • Um möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Einstellungen zur Teilnahme zu bewegen, arbeitete das Projekt mit vielen lokalen Organisationen zusammen, zum Beispiel mit den Kirchen und der muslimischen Gemeinde, Sportvereinen und der Universität.
  • Gematcht wurden Teilnehmende mit möglichst vielen unterschiedlichen Antworten auf die Registrierungsfragen. Die Gesprächspaare wurden per E-Mail einander vorgestellt und konnten dem Gespräch zustimmen oder nicht. Wenn beide Partner zustimmten, erhielten sie die E-Mail-Adresse des jeweils anderen und konnten sich selbstständig verabreden. Alle Gespräche fanden privat und ohne Moderation statt. Im Vorfeld gab es aber Tipps für gute Gespräche.
  • Am 4. Juli 2021 fand die zentrale Veranstaltung in einem Marburger Kulturzentrum statt. Alle Teilnehmenden wurden eingeladen, dort ihre Gespräche bei Getränken und Snacks zu führen.
  • Die Oberhessische Presse stellte vorher einige Teilnehmende und ihre Beweggründe vor. Die Zeitung berichtete auch im Nachgang über das Event und interviewte einzelne Teilnehmende.

Das Ergebnis:

Zufriedenheitsgrad: hoch – Das Team von My Country Talks war zufrieden mit der ersten lokalen Ausgabe und strebt jetzt weitere an.

  • Rund 170 Teilnehmende trafen sich am 4. Juli 2021 zu Gesprächen.
  • Das Feedback der Teilnehmenden war rundherum positiv. Viele gaben an, auch nach dem Event mit ihrem Gegenüber in Kontakt bleiben zu wollen.
  • Die nächsten lokalen Ausgaben befinden sich schon in der Planung.

Wichtigste Learnings:

  • Es braucht Projektpartner: Damit Formate wie „Marburg spricht” funktionieren, braucht es Zugang zu verschiedenen Communitys in der Stadtgesellschaft. Schließlich will man eine möglichst diverse Teilnehmendenschaft. Viele verschiedene lokale Organisationen ins Boot zu holen hilft dabei: Das können Religionsgemeinden, Sport-, Kultur- oder Nachbarschaftsvereine, wohltätige Organisationen, Ehrenamtsagenturen und viele mehr sein. Je nachdem, welche Organisationen ihr für sinnvoll erachtet.
  • Gespräche funktionieren am besten ohne Dokumentation: Die Verlockung ist groß: Wenn man als Medium schon ein tolles Gesprächsformat initiiert, wäre es doch super, bei einigen Gesprächen dabei zu sein, um die Eindrücke anschließen journalistisch zu verwerten. Bei „Marburg spricht” ist das, genau wie in den landesweiten Ausgaben, nicht passiert, aus gutem Grund, sagt Sara Cooper: „Es ist wichtig, dass die Gespräche komplett privat stattfinden und nicht dokumentiert werden. Nur so fühlen sich die Teilnehmenden wohl und trauen sich, offen zu sprechen.”
  • Es braucht die richtigen Fragen: Sara Cooper hat uns Tipps mitgegeben, wie wir gute Fragen stellen, die uns auch bei anderen Community-Befragungen helfen können:
    • Fragen mit „Sollte” zu beginnen, ist immer eine gute Idee. Sie bringen die Antwortenden in eine aktive Entscheidungs-Position.
    • Jargon, Fachbegriffe und technische Wörter zu vermeiden sollte offensichtlich sein, wird bei Fragen nach konkreten politischen Vorgängen aber durchaus schwierig. Fragen sollten für alle leicht verständlich sein und keinerlei Erklärung benötigen. In solchen Fällen kann es auch helfen, Fragen weniger konkret zu machen, was uns zum letzten und wichtigsten Tipp führt.
    • Stellt lieber Fragen nach großen Zusammenhängen, statt nach detaillierten politischen Vorgängen. Fragen wie „Sollten Windräder im Stadtgebiet von Marburg gebaut werden?” sind eigentlich fast unmöglich mit „Ja” oder „Nein” zu beantworten, weil das Thema komplex ist und es viele Abwägungen zu machen gilt. Trotzdem genau so danach zu Fragen mag auf den ersten Blick komisch erscheinen. Es führt aber dazu, dass Teilnehmende später im Gespräch besser konkret machen können, aus welchen Beweggründen sie sich für eine Seite entschieden haben. Oft merken sie dabei, dass ihr Gegenüber gar nicht komplett anderer Meinung ist. Die Unterkomplexe Fragestellung führt häufig zu mehr Komplexität im Gespräch. Denn dort heißen die Antworten statt „Ja” oder „Nein” meistens „Ja, aber…” oder „Nein, aber…”.

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