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Eine gute zu haben, ist schon schwierig. Die Idee in Form zu bringen und immer weiter zu schleifen ist noch schwieriger. Andere Menschen dann von der Idee zu überzeugen und zum Mitmachen zu bewegen, ist am allerschwierigsten.

Ich habe es selbst schon erlebt. Eine gute Idee findet jeder gut: „Ganz toll, hört sich sehr spannend an, jaja super” habe ich öfter gehört. Konkret nach Mitarbeit oder Unterstützung gefragt, fiel die Reaktion dann meistens verhaltener aus. Aber die Skepsis ist auch verständlich. Eine gute Idee zahlt (noch) keine Miete. Von Idealismus allein kann niemand leben. In der heutigen (häufig eh schon prekären) Arbeitswelt des Journalismus, gilt das mehr denn je.

Ein (kleines) Team aufzubauen, ist für viele Gründerinnen und Gründer im Lokaljournalismus essentiell. Alleingänge können funktionieren, sind aber extrem hart. Niemand kann alles können und alles alleine schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, irgendwelche Leute zu finden, sondern auch die richtigen. Die meisten Startups geben nach kurzer Zeit wieder auf, nicht selten, weil das Team doch nicht passt. Die wenigsten Projekte sind von Beginn an rentabel. Es braucht also ein Team, dass sich dessen bewusst ist aber auch ein gemeinsames Ziel vor Augen hat, das zu ändern.

Alexandra Haderlein hat es geschafft, viele Menschen von ihrer Idee von neuem Lokaljournalismus für Nürnberg zu überzeugen. Das Team ihrer Relevanzreporter Nürnberg zählt heute rund 20 Mitglieder. Auch Alexandra hatte kaum mehr zu bieten, als eine gute Idee. Wir haben sie deshalb nach Tipps gefragt: Wie hat sie ihr Team aufgebaut?

Das sind die Relevanzreporter Nürnberg:

  • Die Relevanzreporter Nürnberg wurden 2020 von Alexandra Haderlein als Lokalblog Nürnberg gegründet.
  • Das Team hat sich konstruktiven Lokaljournalismus für Millenials aus Nürnberg und der Region auf die Fahnen geschrieben.
  • Gestartet ist das Projekt mit einer Facebookgruppe und einem regelmäßigen Newsletter. Mittlerweile gibt es auch eine Website, einen Podcast und regelmäßige Events. Die meisten Inhalte befinden sich hinter einer Paywall und sind nur für Zahlende zugänglich.
  • Seit Anfang August sind die Relevanzreporter Nürnberg als gemeinnützig anerkannt. Die Ziele: Förderung der Volksbildung, der Berufsbildung und der Toleranz im Sinne der Stärkung der Demokratie.
  • Der Name, das Logo, die Website und viele Angebote sind nach und nach im Austausch mit der Community entstanden. Die Mitglieder können auch ständig Themen, Meinungen und Anregungen einbringen und werden auch häufiger danach gefragt.

Wie Alexandra Haderlein das Team der Relevanzreporter zusammengestellt hat:

  • „Fest stand für mich, dass ich nie alleine gründen will”, sagt Alexandra Haderlein. Ihr Kernteam zu Beginn bestand aus drei Personen: Ihr selbst, einem Webentwickler und einem Business Developer. Beide hatte sie zufällig auf Veranstaltungen kennengelernt. Ein bisschen Glück gehört zur Teamfindung am Anfang also auch dazu. Alexandra war dafür aber auch viel unterwegs, hat Gesicht gezeigt, hat mit verschiedensten Leuten über die eigene Idee gesprochen und so Kontakte geknüpft, auch auf LinkedIn oder anderen Plattformen. Manchmal zahlen sich solche Kontakte auch nicht direkt, sondern erst mit der Zeit aus.
  • Den ersten größeren Aufschlag zur Teamfindung machten die Relevanzreporter mit einer sehr niederschwelligen Ausschreibung, die ein befreundeter Professor unter seinen Studierenden teilte. Statt aufwendig Bewerbungen zu schreiben, konnten die Studierenden über Calendly direkt einen Termin zum Kaffeetrinken vereinbaren. Nach einigen Stunden hatten schon fünf, im Laufe der Zeit noch mehr Interessenten einen Termin vereinbart.
  • Nicht wenige Teammitglieder aus der Anfangszeit, sind bis heute dabei geblieben. Einige sind aber auch wieder abgesprungen. Mittlerweile hat Alexandra die Schwelle etwas höher gesetzt und sucht vor allem Teammitglieder mit mehr Erfahrung und Qualifikation und macht das auch in Bewerbungsgesprächen deutlicher. „Die Ausschreibungen kommen jetzt zwar nicht mehr ganz so gut an, dafür passen die Bewerberinnen und Bewerber besser zu uns. Wir haben keine Zeit mehr, mit allen bei Null anzufangen“, sagt sie.
  • Was die fehlende Bezahlung angeht, war Alexandra von Anfang an transparent und ist es bis heute. Schon in der ersten Ausschreibung machte sie klar: “Bei uns gibts vorerst gutes Karma statt goldenem Lohn. Wir sollten trotzdem reden? Dann melde dich.”
  • Auch aktuell bekommen alle Teammitglieder regelmäßig Einblick in alle Zahlen: Wie viel Geld kommt rein? Wo kommen neue Fördergelder her? Wie viel Geld wird gebraucht? usw.
  • Das Team der Relevanzreporter arbeitet bis heute größtenteils remote. Um die Mitglieder trotzdem zusammenzubringen, gibt es regelmäßige Online-Pizzaabende, Präsenztreffen im Biergarten, Wanderausflüge etc. In einem internen „Grundgesetz” hat das Team die Regeln der Zusammenarbeit gemeinsam definiert.
  • Ein paar generelle Tipps hat Alexandra Haderlein auch noch auf Lager:
    1. Mach dir klar, welche Kompetenzen du in deinem Team brauchst und wonach du konkret suchst.
    2. Gehe auf Veranstaltungen, zum Beispiel Konferenzen oder an die Uni, wo du genau diese Teammitglieder findest.
    3. Durchforste dein eigenes Netzwerk und betreibe Netzwerkpflege: Wer kennt wen, der wen kennen könnte? Und: Gib statt zu nehmen.
    4. Formuliere dein Stellengesuch und gestalte es so, wie du angesprochen werden möchtest. Außerdem: Versuche herauszustechen!
    5. Sei beim Vorstellungsgespräch so transparent wie möglich und lass dir als Grundlage aussagekräftige Arbeitsproben schicken.
    6. Bleibt in stetem Kontakt und gebt euch regelmäßig Feedback: Was läuft gut? Was muss besser laufen? Und formuliert gemeinsame Ziele!

Das Ergebnis

Zufriedenheitsgrad: hoch – Alexandra Haderlein ist mir ihrem Team mehr als zufrieden.

  • Das Team der Relevanzreporter besteht mittlerweile aus rund 20 Mitgliedern. Darunter nicht nur Journalistinnen, sondern auch Fotografen, Social-Media-Managerinnen und andere Medienschaffende.

Was wir gelernt haben

  • Das Gipfelkreuz muss sichtbar sein: Und zwar für das ganze Team, zu jeder Zeit. Es muss klar sein, wo der Weg hingeht, was das große Ziel ist, an dem sich alle orientieren. Wenn das (und auch die sonstigen Bedingungen) schon ab dem Bewerbungsgespräch bekannt ist, entstehen auf beiden Seiten keine falschen Erwartungen. Transparenz von Anfang an ist hier entscheidend.
  • Nicht nur auf Studierende setzen: Alle von uns haben mal irgendwo angefangen. Von Studierenden aufwändigen, konstruktiven oder investigativen zu fordern, kann nicht von Anfang an funktionieren. Heute würde Alexandra nicht mehr zuallererst auf Studierende fokussieren. „Die sind gut, die sind gewillt, die haben Bock drauf, gerade wenn es um ein junges Produkt geht. Aber: Sie kosten auch Arbeit.“ Was direkt zum dritten Learning überleitet:
  • Nicht zu anspruchsvoll, aber trotzdem wählerisch sein: „Als Startup müssen wir uns bewusst sein, wie viele Kapazitäten wir wirklich haben, welche Aufgaben kann ich abgeben?“, sagt Alexandra Haderlein. „Für mich das Learning da: Ich kann Arbeit dann abgeben, wenn ich Vertrauen in meine Mitarbeiter habe. Ich habe einige Menschen getroffen, die waren sehr nett, haben im Endeffekt aber mehr Arbeitskraft gekostet, als sie mir abgenommen haben. Wenn ich heute in Gesprächen merke, da sprudelt nichts, da ist zu wenig Begeisterung da oder auch zu wenig Fachwissen, würde ich strenger draufschauen als früher, wo mir eine Arbeitsprobe gelangt hat.” Je kleiner das Team ist, desto wichtiger ist es also, dass die Leute auch wirklich mitziehen und das Gipfelkreuz im Blick haben. Nur dann fällt es auch leicht, Aufgaben abzugeben.

Du hast eigene Erfahrungen oder Use cases, die wir aufnehmen sollen? Dann schreib einfach eine E-Mail an tobias.hauswurz@beabee.io.

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